63. spirituelle Gark├╝che: Was tun wenn nicht Angst?

Geschmacksproben:

Frischgepresster Blutorangensaft – wahlweise mit Gin oder Campari

I Ceviche von Salzwassergarnelen und Wildlachs

(Avocados, Limonen, rote Zwiebeln, Chili, Koriandergrün)

II Miso/Gemüsebrühe mit frischem Wachtelei

III heiß geräuchertes Huhn und Stinte mit Gurkensalat und Parisienne Brot

IV Crepes werfen mit Gemüsecurry oder Pomelo/OrangenKompott

V Bananenblütensalat mit gekochten Enteneiern

VI Brandade (Stockfischkartoffelpüree mit Knoblauch) dazu Beeftatare R

oh
VII Käse und Nußbrot

Zubereitet und angeboten von Thorsten Behnk, Christina Fuchs, Helmut Oesting und  Ute Plagge


 Gerhard Marcel Martin/ Marburg 

„Angst“ für Christoph Riemer zum 3.3.2012
Römisch I:
So hat es angefangen, der Ausgangsimpuls:
Marina Abramovicz: Du musst tun, was dir Angst macht.“

Mönche, Eremiten, Wüstenväter und Wüstenmütter hatten den religiös ästhetischen Appell zur performance schon vor zwei- oder dreitausend Jahren gehört und ein setting gefunden: unbewohnte unwirtliche unheimliche Gegenden, radikale Existenzgefährdung: Hunger, Hitze, Kälte, wilde Tiere, soziale Isolation. Und natürlich freuten sich die Dämonen darüber, offene Bühnenorte, offene Gehirne und Leiber zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Du musst tun, was dir Angst macht.

Aber diese Männer und Frauen waren keine Desperados, nicht ins Scheitern verliebt. Sie wollten kämpfen, Ängste überwinden, visionär ausbrechen. Sie suchten Ekstase, religiöses Glück und Glückseligkeit durch die Drohwelt der Ängste hindurch.

So hat es angefangen, der Ausgangsimpuls – auch in der Jahresperformance von Christoph Riemer zum Jahr 2011. Und dann die Variante, die Umfärbung (keine Fehlfarbe!): „Was tun, wenn nicht Angst?“ Die Parole wird ambivalent, mehrdeutig, könnte kippen: Keine Dämonen mehr oder andere Dämonen einladen, und heimliche bewohnte wirtliche garküchennahe Gegenden kommen in den Blick.

Startpunkt: Du musst tun, was dir Angst macht“ Was aber ließe sich tun und lassen, „wenn nicht Angst“?

   
   
Römisch II

Was und wo wären die Spielräume, die Frei-handels-zonen, die Handlungszeiten der Angstlosigkeit? Mir fällt die letzte Strophe von „We shall overcome“ ein:

we are not afraid – und zwar mit der Pointe: today. Hier und jetzt.

Also: Tausche: … was dir Angst macht, gegen: Wenn nicht Angst?

Neue Wege jedenfalls, von einer Grundatmosphäre in eine völlig andere. Richtungswechsel, Stimmungsumschwung, offene Türen, ganz andere Körper sensations – vielleicht mit und ohne Gabrielle Roth erspürbar und tanzbar in five rhythm:

flowing : we are not afraid

staccato : we are not affraid

chaos: wenn nicht Angst

lyrical: we are not affraid

stillness: we are not afraid – today!

So weit sind wir, so weit kann frau/man kommen: 1.Johannes 4, 18: „Angst ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe und nichts als die Liebe treibt die Angst aus.“
 

Römisch III:

Aber dann bisweilen, heimlich, immer wieder, unübersehbar: die Rückfälle. Die Angst sucht eine Türspalte, will sich nicht geschlagen gebe, holt lieber selbst aus, zieht psychologische Fachgutachter zu Rate. Sie will zurückversetzt sein in ihre Recht, beharrt darauf, dass sie / die Angst / in Luc Ciompis (Weltexperte in Sachen Affektlogik) als eine der fünf „Initialgefühle“ / sie, die Angst / an erster Stelle steht und ihr Terrain nie verlieren wird. So sehr sie zugibt, dass Wut, Trauer, Freude und ein Komplex von Interesse/Erwartung/Hunger immer neben ihr bestehen werden. Damit aber öffnen sich den Stimmungsschwankungen, den affektiven und pragmatischen Achterbahnfahrten, den Ambivalenzgefühlen zwischen Liebe und Hass, zwischen grenzenloser Freude und panischer Angst alle Schauplätze religiösen, politischen, freundschaftlichen Lebens. Am krassesten: von der gewaltlosen Liebe Jesu zu den apokalyptischen Zornesorgien am Schluss des Neuen Testaments.

Was aber nun? Wie kommt man von:

 Du musst tun, was dir Angst macht

wirklich, wirksam und effektiv

in die Wenn-Welt mit dem Ortsschild „nicht Angst“

und kann dort bleiben?
 
Arabisch 4:

Es gibt einen Weg profaner und religiöser Mystik (ohne alle Mystifikation und Frömmelei / das gerade nicht!), die da spirituell beginnt, wo die Ambivalenzen und deren zappelndes instabiles motorisch gestörtes und störendes Hin und Her aufhören. Das ist ein anderer, kaum bewohnter und bekannter Ort. Höhenluft. Ob man/frau es mag oder nicht: Aus der Tiefenmeditation ist bekannt, dass es einen Ort jenseits aller Affekte (jedenfalls sofern man ihnen ausgeliefert ist), jenseits nicht nur von Angst, sondern auch von innerer Freude, Glück und Glückseligkeit gibt. Und das führt von der Grundopposition Angst gegen Freude in die dünnere aber reine Luft der Freiheit. Freiheit nicht nur für die weltabgekehrten Zölibatäre und Zölibaten (wörtlich: die Himmelswanderer, die Fußgänger der Luft), sondern für die Freigänger und die Freitänzer und alle playing artists auf der Erde. Die Leichtigkeit des Seins kann erträglich werden – nicht nur über den Wolken. Und dann werden die Spielräume e-norm, heißt: aus den Normen herausfallend und sich erhebend, unabsehbar, unerhört und ganz präsent, ohne doppelten Boden und ohne ersten bis siebten Himmel. Freiheit: sich bewusst und rückhaltlos dem Leben aussetzen, also das Gegenteil von Vermeidung, Verweigerung, Rückzug.

Eine klassische Grundmetapher dafür könnte sein: Freisinn. Dazu ein Vierzeiler aus Goethes „Westlich-östlichem Divan“ / als Gedichtsammlung zum ersten Mal 1819 erschienen. (Goethe war sieben Jahre älter als Christoph Riemer, nämlich 70):

 
Freisinn

Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten!
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten!

Und ich reise froh in alle Ferne,
Über meiner Mütze nur die Sterne.

Und der ganze „Freisinn“ zen-buddhistisch. Aus: „Der Ochse und sein Hirte“, der durch den Zero-Punkt hindurchgegangen ist, back to earth:

„Mit entblößter Brust und nackten Füßen kommt er herein auf den Markt.

Das Gesicht mir Erde beschmiert, der Kopf mit Asche über und über bestreut.

Seine Wangen überströmt von mächtigem Lachen.

Ohne Geheimnis und Wunder zu mühen, lässt er jäh die dürren Bäume erblühen.“

Solcher Hirte könnte ein Para-Patriarch von playing arts sein.

Also: Meine Rezeptur von heute:

-       Du musst tun, was dir Angst macht

-       Was tun, wenn nicht Angst?

-       Die affektiven und pragmatischen Achterbahnfahrten

-       „Freisinn“, weltlich mystisch

 

 Römisch V:

Übrigens: Seit Tagen sind Wildgänse über Marburg in Bewegung – mit schrillem Schrei nach Norden. Aber eigentlich wollen sie Dir nur gratulieren, Christoph. Das sehe ich daran, dass sie in der Formation 63 fliegen. Heißt: eine fliegt voraus und dann 31 auf der rechten Linie des „V“, die anderen 31 auf der linken. Ich habe nachgezählt!  Playing arts all over, im Himmel wie auf Erden. 

(C) Gerhard Marcel Martin / 4.3.2012

 Bilder von Jochen Koppelmeier

   

Was tun, wenn nicht Angst?
Bitte ein Wort schreiben:

Singen singen
Fliehen
Dunkelheit
Schreiben
FREUDE
Angst vor Dummheit?
Nach Montenegro reisen in diesem Sommer
Lachen
Lachen, Tanzen, Leben
Forderungen (auf-)stellen
Mut Glut
So Tina Turner mäßig
Parasit
DURCH – WEITER – GEHEN
VORWÄRTS!!
Freude
Jobs ablehnen
Unerwartetes
NICH GELD VERDIENEN
Sich offenbaren
Spontan
Hingabe
Peinlich!
Altern
Eine große Kampfmaschine bauen


Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.
 
Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.
 
Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.
 
Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.
 
Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.
 
Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
 
gedicht: rezept
autorin: mascha kaleko
 

"Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet."
                                                         Theodor Adorno